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Terézia Mora

Verliefen sich im Wald

20 min
Germany
Terézia Mora

Verliefen sich im Wald

20 min
EnglishGerman(original)Spanish

Im Sommer, in der Saison, arbeitet er von Sonnenauf- bis -untergang. Fährt im Sonnenaufgang hin, kommt im Sonnenuntergang zurück. Das ist schön, die Fahrt dauert genau so lange wie diese Auf- und Untergänge. Sie machen sich gemeinsam auf den Weg, sie kommen gemeinsam an: der junge Mann und die Sonne. Leider steht sie immer in seinem Rücken, denn morgens fährt er nach Westen und am Abend zurück nach Osten. Natürlich sieht man an allem, dass gerade die Sonne auf- oder untergeht, aber sie selbst kann er nur sehen, wenn sie in einem der Rückspiegel auftaucht. So fährt er: mit den Augen in den Spiegeln. Seite, Mitte, andere Seite. Jeden Tag einige Sekunden und Meter Verschiebung, aber es gibt einige Stellen, wo sie immer zu sehen ist. Nach der Kurve, links, neben dem kleinen Wald über dem Hügel. An manchen Stellen ist sie in zwei Spiegeln gleichzeitig, und er ist für eine Sekunde geblendet. Manchmal (häufiger) schließt er danach noch kurz die Augen. Eins, zwei. Stellt sich vor, dass sie in allen 3 Spiegeln gleichzeitig erscheint. Was keine Bedeutung hat. Er stellt es sich nur gerne vor. Das ist nicht ungefährlich, denn die Straßen sind morgens wie abends voll, dennoch, er kann nicht anders, als darauf zu vertrauen, dass gerade in diesen zwei Sekunden kein Unglück geschehen wird.

Während des Tages sitzt er drin. Vom Rezeptionspult des Hotels aus kann man den See sehen. Nicht das Wasser, aber das Schilf am Ufer. Die Bewegungen des Schilfs, die Reflexionen des Wassers dahinter, die Wolken darüber, die Wolkenlosigkeit. Auch das ist alles schön. Der Sommer ist schön. Es wird sehr heiß, aber das Hotel ist klimatisiert. Abends dann, beim Heraustreten, spürt er die in allem gespeicherte Wärme herausströmen und dann wieder: die Sonne in den Spiegeln.

Im Winter dagegen sieht er fast nur Dunkelheit. Fährt im Dunkeln hin, am Ende der Fahrt ist es immer noch genauso dunkel wie am Anfang, arbeitet, fährt im Dunkeln wieder zurück. Viele leben so. Ganz zu Anfang im Hotel hatte er zudem nur die Nachtschichten gemacht, so war die Stelle ausgeschrieben, suchen Nachtrezeptionisten, und die 200 Euro mehr, die es dafür gab, wollte er auch haben, aber dann wurde es doch zuviel. Sie brauchen einfach mehr Licht, sagte der Arzt. Er erwähnte die 200 Euro. Verstehe, sagte der Arzt. Schließlich wagte er doch, seine Chefin zu fragen, ob er nicht wenigstens manchmal die Tagschicht haben könnte.

Das Aufgeben der ständigen Nachtschicht hätte auch seinem gesellschaftlichen Leben nützen können. Er hatte viele Freunde und hat sie eigentlich immer noch, durch die Nachtschichten sah man sich nur kaum mehr. Davor kamen sie beinahe jeden Abend zusammen und spielten: Billard, Darts, Kegeln, Badminton, am Wochenende Fußball und Tennis, und dazu aßen sie gut, Pizza, Hamburger, heiße Sandwiches und tranken Biermixgetränke. Eine fröhliche Truppe, Jungs und Mädels gemischt. Das hätte er mit der Tagschicht wiederhaben können, aber irgendwie: doch nicht. Ich weiß auch nicht. Ich weiß nicht mehr genau wann, vielleicht während der einsamen Nächte hinter dem Rezeptionistenpult und manchmal vor der Tür stehend, um das Rauschen des Schilfs und des Sees hören zu können, vielleicht durch die Sonnenauf- und -untergänge, ist eine Stille in ihn eingezogen, die er kein Herz hat, kaputt zu machen. Von der Arbeit fährt er nach Hause, legt sich in seine Koje und liest Gedichte, wie noch als Schüler (und tatsächlich in den Textsammlungen aus der Schule, die er immer noch hat), aber nicht immer. Nicht immer ist die Stille, die entstanden ist, stabil genug, als dass man Worte hineinlassen könnte. Manchmal nicht einmal Musik. (Das Rauschen der Waschmaschine hingegen stört fast nie.) Dann konzentriert er sich in den zwei, drei Stunden, bevor er sich schlafen legt, nur mehr darauf, sie nicht zerbrechen zu lassen. Es gibt schlimmere Leben. Aber dass seine Freunde nicht verstehen, was mit ihm los ist, ist klar, und auch, dass er es ihnen nicht erklären könnte.

 

An dem Tag, an dem diese Geschichte spielt, kam allerdings von Anfang bis Ende keine Ruhe rein. Als Erstes wurde er beinahe in einen Unfall verwickelt. Das Straßendorf, in dem er wohnt, liegt an einem Hügel, sein Haus in einer Kurve, das ist besonders im Winter gefährlich, wenn die Straße vereist ist. Die von oben aus der Kurve kommen, schlittern an dieser Stelle direkt auf das Haus zu. Zum Glück gibt es davor einen Graben, es ist noch nie einer direkt ins Haus gekracht. Solange er sich zurückerinnern kann, auch nur drei in den Graben. Jetzt ist Sommer, dennoch, ohne Ortskenntnis und mit der Aussicht beschäftigt, wie man als Tourist eben ist (aber wenn dazu wenigstens langsam, aber nein, schnell), geriet auch an diesem Morgen jemand auf die falsche Seite der Fahrbahn, dorthin, wo er, selbst noch etwas verschlafen, mit dem Auto vom Hof fuhr. Quietschende Reifen und aufgerissene Augen auf beiden Seiten. Standen da, nicht mehr als ein Fingerbreit Luft zwischen den Stoßstangen, beide Fahrstreifen blockiert, eine ewige Minute lang. Dann fuhren sie, ohne ausgestiegen zu sein, ohne ein Wort zu sagen, beide ein Stück zurück und dann aneinander vorbei. Es war also mit dem kleinstmöglichen Aufwand abgelaufen, trotzdem, als er im Hotel ankam, hatte sich sein Herzschlag immer noch nicht normalisiert.

Später, in seiner Mittagspause, bat ihn die Chefin zu sich.

Um es kurz zu machen (das sagt sie immer: Guten Tag, um es kurz zu machen): Sie sind einer unserer besten Mitarbeiter. Korrekt, konzentriert, höflich, loyal. Ich habe vollstes Vertrauen in Sie.

Vielen Dank, sagte er.

Kurz gesagt, wollte sie ihn fragen, ob er sich vorstellen könnte, Leiter der Rezeption zu werden. Was bis jetzt ihr Job war, aber nun steige sie ihrerseits eine Stufe höher. Für ihn würde das die Verantwortung für 4 Mitarbeiter und 350 im Monat mehr bedeuten.

Danke, sagte er. Darf ich eine Nacht darüber schlafen?

Selbstverständlich, sagte die Chefin. Etwas verwundert (oder bereits enttäuscht?). Nicht wegen der erbetenen Bedenkzeit, das ist tatsächlich selbstverständlich, sondern weil er während des ganzen Gesprächs keine Miene verzog. 350 sind nur 150 mehr, als der Nachtrezeptionist bekommt, aber das kam erst ganz zum Schluss. Auch davor schon: keine Überraschung, keine Freude, keine Aufregung, nur die Höflichkeit, wie immer.

Den Rest der Schicht ging er jedes Mal, wenn seine Kollegin aus der Raucherpause zurückkam, selbst hinaus. Sie: in der einen Hand die Zigarette, in der anderen das Telefon, organisiert ihr Leben außerhalb des Hotels, oder lebt es einfach, hört nicht auf damit, nur weil sie bei der Arbeit ist, ein fröhliches Mädchen mit langem Haar und rotem Lippenstift. Die Chefin mag die Texterei nicht, die Einstellung des Mädchens, das Mädchen selbst. Er verurteilt keine der beiden, er raucht einfach nicht und textet auch nicht, muss auch diesmal niemanden gleich informieren oder um Rat fragen. Er steht nur da neben dem Ascher, mit dem Gesicht zum See, beide Hände in den Hosentaschen.

Auf dem Nachhauseweg glühte die Sonne dann so stark, wie er sie noch nie erlebt hatte, hüllte alles in pfingstrosenrotes Licht. In-allen-drei-Spiegeln wäre nichts dagegen gewesen, gegen diese Flut. Als wäre sie ein riesiger Strom, von dessen Existenz wir nichts gewusst haben, bis er über die Ufer getreten ist. Er hatte Schwierigkeiten, etwas zu sehen, und wurde sehr müde. Aber er konnte nicht gleich nach Hause. Er hatte eine Verabredung.

 

Sie ist immer zu früh dran, er häufig ein wenig zu spät, er konnte nicht mehr nach Hause und das Hemd wechseln, er musste so gehen, wie er war, in seiner Rezeptionistenkluft, die Krawatte in die Brusttasche gestopft. Ich rieche nach Schweiß, natürlich. Das Sakko lag auf dem Rücksitz, und nun, da er jemand anderen mitnehmen musste, sah er auch, wie schmutzig es im Auto war. Zerknüllte Verpackungen von Fastfood und Süßigkeiten hauptsächlich. Er hatte auch jetzt großen Hunger, aber er holte erst sie ab.

Sie stand im wieder milde gewordenen Restlicht des Abends am Rande des Gehsteigs, in einem kurzen, engen Kleid und hochhackigen weißen Sandalen. Als er sich ihr näherte, auf den letzten Metern, ging auch noch eine Straßenlaterne in ihrer Nähe an, ihr kupferfarbenes Haar glänzte auf. Sie war schön und fröhlich und ausgeruht, wie immer wenn er sie sieht. Immer, wenn er sie sieht, ist sie auf Urlaub, und er arbeitet. Sie kommt genau ein Mal im Jahr, im Sommer, und auch das nicht für lange Zeit. Weil er nichts vorschlagen kann, sagt sie, wann und wo sie sich treffen und was sie dann unternehmen sollen. Diesmal sagte sie, sie wolle zum großen Aussichtsturm oben auf dem Berg (in Wahrheit nur ein Hügel, keine 400 Meter hoch), diesem hölzernen Monstrum, an das sie sich aus ihrer Kindheit erinnert. Nicht wenige unfreiwillige Ausflüge führten zu ihm (Schule und andere Erwachsenendinge), von Mal zu Mal wurde er ruinöser: eingeritzte Namen, rostige Nägel, schließlich die Treppe gesperrt. Jetzt steht angeblich ein neuer da. Lass uns zum Aussichtsturm fahren und auf die nächtliche Stadt hinuntersehen.

Lass uns erst ein Sandwich holen, sagte er. Ich bin am Verhungern.

Er holte sich in einem Imbiss ein mit Käse und Schinken überbackenes heißes Sandwich.

Du solltest dieses Zeug nicht essen. Wollen wir nicht lieber was essen gehen? Oder, das fiel ihr leider jetzt erst ein, sie hätte einen Picknickkorb mitbringen sollen. Ein Ausflug, ein Picknickkorb. Ein nächtliches Picknick mit Blick auf die Stadt. Das wäre schön gewesen. Wie konnte sie nicht daran denken? Es ist alles schlecht geplant, sie übernimmt die Verantwortung dafür.

Ist egal, sagte er. Jetzt habe ich das.

Sie konnte nicht danebensitzen und warten, bis er aufgegessen hatte, sie bot an, zu fahren, ihm war es recht, er war sehr müde. Er rutschte tief in den Beifahrersitz, die Knie gegen das Handschuhfach gedrückt, das fettige Sandwich nah an seinem Mund, er musste nur abbeißen. Ein Stück Käse fiel aufs Hemd. Das geht nie, nie wieder raus, das Hemd ist hinüber. Egal. Sie fuhr das ihr unbekannte Fahrzeug hakelig, dazu schnell, er spürte die Kurven im Magen. Wenn sie die Pedale wechselte, glänzten ihre Beine auf. Sie trug trotz der Hitze Feinstrümpfe. Glänzende Beine, glänzende Haare. Sie ist älter als ich und sieht jünger aus, weil sie sich Mühe gibt und ich nicht.

Wir wollen um die besondere Beziehung der beiden kein Mysterium machen, im Gegenteil, wir wollen die absurde Situation beim Namen nennen, die da wäre, dass sie Halbgeschwister mit einem gemeinsamen Vater sind, und weder der Vater noch die beiden Mütter wollen, dass sie sich sehen. Sie ist 33, er 30 Jahre alt, und sie treffen sich ein Mal im Jahr heimlich in der Stadt, in der sie beide geboren worden sind. Er wohnt in einem Dorf im Umland, in demselben Haus wie sein frühverrenteter Vater, und sie, wenn sie da ist, bei ihrer Mutter in der Stadt. Wenn sie ausgehen, werden sie gefragt, wohin sie gehen und mit wem, also sagen sie etwas, das kostet sie doch nur ein Lächeln, aber absurd ist es doch. Deswegen stimmt er einem Treffen mit ihr immer zu, egal, wie müde er ist, egal, ob er eigentlich schon etwas anderes mit jemand anderem vorgehabt hätte (früher).

Es war gegen 22 Uhr, im Prinzip war es dunkel, aber eine Stadt ist natürlich erleuchtet. Sie fuhren am Stadtpark vorbei, durch die zu tiefe Unterführung, die bei heftigeren Regenfällen mit Wasser vollläuft. Die Leute, die auf dem Berg wohnen, haben dann Schwierigkeiten, in die Stadt hinunterzukommen. Auf dem Berg wohnen die Bessersituierten. Hier ist das Schwimmbad, der Tennisclub und das höchststernige Hotel der Stadt. Hinter diesem gibt es keine Häuser mehr, nur noch den Wald und die Straße zum Aussichtsturm.

Muss ich hier abbiegen?

Aber sie war schon abgebogen. Die Straße im Wald ist nicht mehr beleuchtet, sie ist schmal, der Asphalt grob, an den Rändern abgebrochen. Sie pfiff: Hänsel und Gretel, und lachte.

Wie geht’s dir? Gehst’s dir gut? Bei der Arbeit?

Ja, sagte er. Ich habe jetzt wieder die Tagschicht. (Müde zwar, aber ausgeschlafen. Muss nicht mehr auf Schlaf verzichten, um sich mit ihr zu treffen. Mit offenen Augen schlafend auf dem Rasen am Ufer eines Badesees sitzen, während Wespen in der Saftflasche ertrinken und sie ihren glänzenden Körper in der Sonne hin und her dreht.) Das ist schon um einiges bequemer. Außer, dass man mehr Überstunden hat. Heute zum Beispiel ist kurz vor Schluss eine Gruppe Italiener gekommen, die ausschließlich italienisch konnten. Ich musste bleiben, weil ich der Einzige mit Italienischkenntnissen bin, aber, um die Wahrheit zu sagen: weit ist es damit nicht mehr her. Es ging irgendwie, aber richtig gut war das nicht. Ich spreche es nur noch wie einer, der es eigentlich nicht kann. Dabei war das mal meine Lieblingsfremdsprache.

Sie tröstete ihn, er könne nichts dafür, wenn er es hier mit niemandem sprechen könne. Es kommen nur selten Italiener. Wann warst du das letzte Mal in Italien?

Er war zu müde, um nachzurechnen. Lange her, soviel ist sicher. Es gibt bestimmt irgendeinen Auffrischungskurs auf CD, den man sich auf dem Weg zur Arbeit anhören könnte.

Sagte es und wusste in derselben Sekunde, dass er sich niemals so eine CD besorgen würde. Was er auch immer anfängt, er hört damit weit vor dem Ende auf. Er sah sich seine Fingerknöchel an, weil ihm einfiel, wie er im Laufe einer seiner abgebrochenen Ausbildungen das Schneiden von Fadennudeln lernte. Das Messer, die Fingerknöchel. Auch das müsste man bei Gelegenheit nachprüfen: ob ich noch Fadennudeln schneiden kann.

 

Der Turm erschien rechterhand. Er war aus hellem, gelblichem Holz. Ein kurzer Waldweg führte zu ihm. Als wären da auch zwei hölzerne Picknicktische mit Bänken im Dunkeln. Sie ließ das Auto draußen auf der Straße stehen. In hochhackigen weißen Sandalen über dunklen Waldboden. Sie lachte über sich. Das ist so daneben. Nach einer Weile hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und ihre Füße hatten auch gelernt, dass der Weg mit Mulch bestreut war, dass sie also keine allzu große Angst vor Steinen oder Wurzeln haben mussten, über die sie fallen hätten können. Rundherum knarrten die Bäume, und in den Kronen war ein Rauschen, obwohl kein Wind zu spüren war. Dunkles Rauschen, zu dunkel für alles, es war Neumond. Die Schwester schaute nach oben. Dort, wo sie wohnt, ist es immer sehr hell, die meiste Zeit des Jahres sieht sie kaum einpaar Sterne. Sie ist es gewöhnt, dass es hier dagegen immer sehr viele gibt. Nur heute nicht. Einige niedrige weiße Schleierwolken, das war alles.

Sie waren noch nicht am Turm angekommen, als sie bereits ahnten, dass er abgeschlossen sein würde. Dennoch, sie konnten nicht gleich aufgeben, sie mussten es ausprobieren. Natürlich: abgeschlossen. Hölzerner Turm, hölzerne Stufen, Eisengittertür. Drumherum war es auch nicht lauschig genug. Auf der hölzernen Eisenbahn des Kinderspielplatzes sitzen? Auf der Wippe? Sie: ja. Wenn sie sagen würde, komm, lass uns wippen, würde er mitmachen. Er selbst würde so etwas nie vorschlagen. Im zappendusteren Wald mit seiner Schwester wippen. Aber sie schlug es nicht vor. Sie stiegen wieder ins Auto ein. Lass uns eine Weile einfach hier sitzen. Im Auto sitzen und reden ist eine gute Sache.

Noch einmal: Was gibt es Neues? Diesmal bei ihr.

Alles wie immer. Im Büro, das sie zusammen mit ihrem Mann betreibt, läuft es gut. Wenig Stress, und wenn, dann produktiver. Die Kinderfrage steht im Raum, weniger ihrer selbst wegen, sondern weil viele um sie herum jetzt Eltern werden. Sie selbst sind immer noch unentschlossen. (Sie hat Angst, hässlich und unglücklich zu werden. Aber das sagt sie außer ihrem Mann niemandem.)

Und, wie geht es deinen Eltern?

Sie fragt es, natürlich, weil sie wissen will, wie es sich mit dem Vater lebt, aber er erzählt jedes Mal hauptsächlich von seiner Mutter, die inzwischen auch schon vom Vater geschieden und anschließend krank geworden ist, um die Anerkennung ihrer Arbeitsunfähigkeit kämpft, mit einem neuen Mann zusammengezogen und von ihm wieder weggezogen ist und sich ein Auto gekauft hat, dieses hier, aber dann hat sie die Raten nicht zahlen können, also hat er sein altes Auto verkauft und ihr ihrs abgenommen, jetzt zahlt er die Raten, und wenn sie irgendwohin gefahren werden will, dann fährt er sie, aber sie ist unzufrieden, weil er ja den ganzen Tag weg ist, und in der Nacht will jemand in ihrem Alter selten irgendwohin fahren.

Sie lächelte. Über den Vater vergaß er zu berichten, und er fragt sie auch nie nach ihrer Mutter. Der Frau, die der Vater verlassen hatte, um sich mit seiner Mutter zusammenzutun. Es geht ihr gut, danke, dachte die Schwester. Sie ist gesund, hat Arbeit und Geld zum Leben und keinen Mann, der säuft oder schnarcht. Das Einzige, was man nicht darf, ist, sie an ihren vor über 30 Jahren geschiedenen Mann erinnern, denn dann tobt sie und beruhigt sich erst, wenn ich eine Nacht woanders verbracht habe und sie erleichtert ist, mich am nächsten Tag wiederzusehen.

(Wir werden sie überleben, sagte sie letztes Jahr zu ihm.

Wer weiß, sagte er.)

Und dann, was heute noch passiert ist: Ich bin befördert worden.

Wirklich?

Da war sie doch gleich Feuer und Flamme. Ihre Hände, Haare, Beine gerieten in Bewegung, alles an ihr glänzte auf. Befördert werden ist gut, Karriere zu machen ist gut, oder zumindest »etwas aus sich«. Gelegenheiten ergreifen, Möglichkeiten ausschöpfen. Im gegebenen Rahmen oder auch mal darüber hinaus, neue Rahmen schaffend. Das ist gut!

Das mit den Rahmen hatte er gar nicht mehr richtig verstanden, ihm war schon vorher, schon als das Wort Karriere fiel, klar geworden, dass er das nicht möchte. Er möchte nicht leitender Rezeptionist werden. 4 Leute unter sich und 350 Euro mehr. Karriere. Schon das Wort.

Ich weiß nicht, sagte er tastend. Ich weiß nicht, ob sich der ganze Stress lohnt.

Sie erwähnte erneut den sogenannten positiven Stress. Es gibt auch positiven Stress.

Er nickte. Natürlich. Klar. Weiß ich.

(Die fliegenden Wechsel zwischen der einen Freizeitaktivität und der anderen. Fußballklamotten aus, Hemd an, die anderen warten schon in der Billardhalle, es ist ein Mädchen dabei, das du ein wenig kennst, das in Frage kommt. Er denkt immer noch »Mädchen«, dabei sind es mittlerweile Frauen. Manche haben schon eine Ehe hinter sich. Manche haben ein Kind oder sogar zwei. Dass er diese Kinder kennengelernt hätte, soweit ist es nie gekommen.)

Vielleicht ist mehr Stress das, was du brauchst, sagte sie neben ihm.

Plötzlich wurde er so wütend, dass ihm überall warm wurde. Er presste die Lippen aufeinander. Die Reste des fettigen Käses darauf. Ich bin rot angelaufen, keine Frage. Mein roter Kopf über dem weißen Hemdkragen. 30 Jahre alt. Die Haare fangen schon an, mir auszugehen.

Sie ist nicht vollkommen unsensibel, sie wartete, bis er sich beruhigt hatte. Schaute hinaus auf den dunklen Wald, wartete die Zeit ab, dann erst fragte sie:

Was ist eigentlich dein Traum? Was würdest du am liebsten tun?

(Gar nichts. Der Sonne beim Auf- und Untergehen zusehen. Länger als für diese wenigen Minuten des Tages möchte ich gar nicht leben. Nicht essen müssen, nichts. Schlafen, wie ein Fabelwesen. Es schläft, es wacht auf, um die Sonne beim Auf- und Untergehen zu sehen, dann schläft es wieder. Immer so, auf ewig.)

Laut sagte er (und nur, um seine Wut nicht zu lang werden zu lassen, um weiter mit ihr reden zu können): eine Sandwicheria. So eine, wo wir eben waren. Gegrillte Sandwiches.

Und sie, natürlich, war auch da sofort mit dabei. Begeisterungsfähig, wie sie ist. Eine Sandwicheria, warum nicht? Richtig gut wäre so etwas natürlich, wenn es nicht so eine muchtige Fettbude voller Neon wäre, wie sie sie eben angefahren haben, sondern wie ein italienische Bar. Mit einer feinen Espressomaschine, so einer, die man jeden Tag zur Sperrstunde eine halbe Stunde lang reinigen muss, denn nur so bekommt man guten Kaffee heraus. Und natürlich gäbe es Tramezzini, oder heiße Sandwiches, wie er sie nenne, aber dort würde man sie Tramezzini nennen. Und es würde auch eine Sorte mit Grillgemüse darin geben, das würden sie Tramezzini mit Antipasti nennen. Es würden die wenigen italienischen Touristen in diese Bar kommen, und er könnte italienisch mit ihnen reden. Mit der Zeit würde es sich herumsprechen, die Italiener würden es anderen Italienern sagen, und irgendwann würden reisende Italiener extra für seine Bar einen Schlenker in diese malerische Kleinstadt machen, die ohnehin einen Besuch wert ist. Eines Tages würde sogar eine Städtepartnerschaft zu einer italienischen Kleinstadt von ähnlicher Größe entstehen, die Italiener würden sich in einheimische Frauen verlieben, und die einheimischen Männer würden sich in Italienerinnen verlieben, so wie er selbst auch, und ich bekäme italienische Nichten und Neffen.

Sie lachte wieder, und weil sie so liebenswürdig glänzte, ihre Augen, ihre Lippen, ihre Wangen, hörte er auf, wütend zu sein, und lächelte auch ein bisschen.

Oder hast du schon jemanden? (Eine Frau nämlich.) Er hörte auf zu lächeln und sagte: Im Moment nicht.

Schade, sagte sie und seufzte. Und dann dachten sie beide an jemanden namens Andrea, die 7 Jahre lang seine Freundin und dann sogar seine Verlobte war, bevor sie ihn verließ.

Sie verließ ihn, weil er nachts arbeitete und tagsüber schlief, und wenn er wach war, kaum ein Wort sagte, und überhaupt die meiste der wenigen Zeit, die sie zusammen gehabt hätten, damit beschäftigt war, seinen unselbstständigen Eltern zu Diensten zu sein, ganz zu schweigen vom Geld, das sie immer brauchten für dies und das, Medikamente, Atteste, Reparaturen, sich als vollkommen nutzlos erweisende Konsumgüter, Schwamm drüber, obwohl es immer bis ans Eingemachte ging. Was, wenn wir mal Kinder haben?

Sie sagte damals, dass sie Andreas Standpunkt verstehen könne.

Er sagte, und sagt es immer noch: Eine Partnerin hat das durchzustehen mit einem.

Egal, was es ist? Egal, wie lange? Und wenn es ewig dauert?

Es hätte schon nicht ewig gedauert.

7 Jahre sind nicht wenig. Und mittlerweile wären es 10. Und das ist nur das, was schon hinter uns liegt.

(Sie will sich nur an ihrem gemeinsamen Vater rächen, weil er nicht für sie da war, dachte er und fragte:) Können wir über was anderes reden?

Sie saßen schweigend im Wagen. 10 Sekunden, oder 20. In der Dunkelheit des Waldes, des Himmels.

Dann, plötzlich, aus dem Nichts, nein, von unten, aus Richtung Stadt, das Geräusch eines hochtourig heulenden Motors und sehr helles Licht. Es war ein großes Fahrzeug, das da auf sie zukam, sie sahen es, seine Lichter, dass es genau auf sie zukam, und nicht etwa nur in ihre Richtung, aber das war bestimmt nur eine optische Täuschung, es würde, wie knapp und rasend auch immer, an ihnen vorbeifahren. Aber nicht das geschah, sondern, dass es weiter auf sie zukam, schnell und laut, und bevor sie es begriffen, schlug es mit einem mörderischen Krach in sie ein. Es schob sie vor sich her, von der Straße hinunter. Nicht dorthin, wo der mulchige Weg zum Turm führt, sondern daneben, in den Hang hinein. Die Handbremse war angezogen, dennoch rutschten sie, obwohl die Frau zudem, reflexartig, die Bremse durchtrat. Sie rutschten zum Glück nicht weit, ein Baum stand bald im Weg, sie stießen gegen diesen Baum und blieben liegen. Über ihnen, durch die Wucht des Aufpralls quer über die Straße gedreht, mit immer noch über-hell strahlenden Lichtern: ein riesiger Jeep.

Der Motor war auch immer noch an, als der Fahrer heraus-sprang. Er beschirmte sich die Augen und rief: Hallo?!, aber er blieb näher bei seinem eigenen Fahrzeug stehen, kam nicht auf sie zu, drehte sich sogar um, lief um den Jeep herum, zur Beifahrerseite, öffnete dort die Tür und sprach mit jemandem.

Alles OK?, fragte die Schwester ihren Beifahrer. Bist du verletzt?

Er war nicht verletzt. Sie auch nicht. Die Türen ließen sich auch öffnen.

Hallo?! rief der Jeepfahrer. Stand wieder da wie eben, beschirmte sich die Augen. Rasierter Kopf, weiße Hose, weißes Shirt mit irgendeiner Aufschrift. Ein Klischee, wie aus dem Buche.

Können Sie mal die Lichter ausmachen? rief die Schwester. Machen Sie die Lichter aus! Wir sehen nichts!

Der Glatzköpfige stellte Motor und die meisten Lichter aus, tauchte wieder aus dem Wagen auf und schrie.

Ihr seid mitten auf der Straße gestanden! Mitten auf der Straße! Ohne Licht! Ihr habt sie wohl nicht mehr alle! Ohne Licht mitten auf der Straße!

Ist das alles, was dir dazu einfällt? Die Schwester, Waldboden aus den Schuhen schüttelnd. Siehst du nicht, was mit dem Auto ist? Da fragt man erst, ob jemand verletzt ist.

Seid ihr verletzt?

Wie’s aussieht, nicht.

Die Freundin des Jeepfahrers stieg weiterhin nicht aus, saß zitternd hinter der Scheibe. Der Jeepfahrer rief die Polizei an.

Der junge Mann stieg jetzt auch aus. Seine Seite des Autos hing etwas tiefer in den Hang hinein, er musste sich am Auto abstützen, um stehen zu können. Er tastete sich nach vorne, um die Einschlagstelle zu sehen. Den Baum, der tief in der Motorhaube steckte, als wäre er so gewachsen. Schrott. Das Auto ist Schrott.

Alles OK?

Ich muss morgen zur Arbeit damit, sagte er.

Bist du versichert?

Ob ich versichert bin? Er schrie. Na, was meinst du? Bin ich versichert? Bin ich? Versichert?

Er hangelte sich am Auto entlang, nahm die Hände zur Hilfe, krallte sich in den Hang, lief auf allen Vieren hinauf zur Straße, hatte sie auch schon erreicht und stapfte gleich los, den Berg hinunter.

Sie rief, er solle warten, auch der Jeepfahrer schrie, wohin er gehe, er solle dableiben, er müsse dableiben, die Polizei komme bald, aber er: rannte weiter Richtung Stadt hinunter. Er kann noch schnell laufen. Er trainiert nichts mehr, trotzdem. Berg abwärts tut’s nach einer Weile weh im Knie, egal. Sie, in ihren Stöckelschuhen hat keine Chance, ihn jemals einzuholen, dennoch versucht sie es. Auf allen Vieren den Hang hoch, beim ersten Schritt zurück auf die Straße, trat sie auf die Asphaltkante, knickte um, balancierte es aus, rannte ihm hinterher.

Der Jeepfahrer konnte es nicht fassen. Was sie da machen. Das ist Fahrerflucht! Seid ihr völlig …?

Ihre hochhackigen Sandalen auf der steilen Straße. Mal klopfend, mal schlurfend und stolpernd. Solange, bis sie so sehr ins Schleudern geriet, dass sie ausrutschte und fiel. Die Füße rutschten nach vorne, sie setzte sich auf den Hintern. Spürte, wie die Strumpfhose am Po und an den Waden zerriss und die Haut darunter aufgeschürft wurde. Die hintere Seite der Absätze sowieso. Die sind hinüber, die Kratzer auf der Haut sind dagegen kaum der Rede wert. Die kleinen Steine, die kleben bleiben und wieder abfallen. Saß auf der Straße, mit hochgerutschtem Rock, und rief nach ihrem Bruder. Er war schon außer Sichtweite. Dafür hatte sich der Jeepfahrer von oben auf den Weg zu ihr gemacht. Er rannte nicht, vielleicht wollte er nur helfen. Sie zog sich im Sitzen die Schuhe aus, nahm sie in die Hand, rappelte sich auf und rannte weiter den Hang hinunter. Der grobe Asphalt zerschnitt ihr die Fußsohlen, aber das würde sie erst am nächsten Tag richtig merken. Der Jeepfahrer war stehen geblieben, vielleicht hatte seine Freundin nach ihm gerufen, er möge sie nicht allein zurücklassen, vielleicht hatte er nur eingesehen: das hat doch alles keinen Sinn, mit denen.

 

Sie rannte bis zur Einmündung der Hauptstraße hinunter. Sie hatte aufgehört, seinen Namen zu rufen (er heißt Peter und sie Petra, das muss man sich mal vorstellen), sie hatte nicht mehr genug Luft dafür. Die Straße war hell erleuchtet und verlassen, sie zog sich das Kleid wieder soweit herunter, dass ihr Slip bedeckt war. Die Schuhe behielt sie aus, so ging sie weiter den Berg hinunter.

Sie fand ihn nicht weit entfernt, am Zaun des Schwimmbads stehend. Von hier aus ist die Stadt auch ein wenig zu sehen, aber er sah sich nicht die Stadt an, sondern den Außenbereich des für die Nacht geschlossenen Schwimmbads. Daneben ist das Tenniszentrum. In so einem hatte er gespielt als Jugendlicher. Als er noch ein hoffnungsvolles Talent war.

Er war ganz versunken in der Betrachtung des blauen Wassers. Es ist blau, weil die Wände des Beckens blau gekachelt sind. Er hatte sie vielleicht sogar für einen Augenblick vergessen, zu hören war sie jedenfalls seit einer Weile nicht mehr gewesen. Er sah sie erst, als sie, die Schuhe in der Hand, neben ihm stehen blieb. Hinter ihr auf der Straße fuhren zwei Polizeiautos den Hügel hinauf.

(Du hast einfach nur mehr Glück, dachte er. Du hast einfach mehr Glück. Natürlich kann man dir deswegen keinen Vorwurf machen, aber andererseits hast du auch leicht reden.) Ich kann dir Geld leihen, sagte sie. Nicht die Welt, aber irgendwas.

Nicht nötig. Ich kann das Mofa meines Cousins benutzen für eine Übergangszeit.

(Der Sonnenaufgang auf diesem Mofa.)

Wie spät ist es?

Noch nicht ganz um 11.

(Noch 7 Stunden.)

Dein Hemd ist zerrissen.

(Tatsächlich. Wie ist das passiert? Egal. War eh schon hin. Tramezzini Prosciutto Formaggi.) Egal, sagte er laut. Ist ja nur ein Ding.

Er sah sie an, wie sie da stand, in zerrissenen Strümpfen, mit schmutzigen Händen. Trotzdem sah sie immer noch strahlend aus. Gepflegt, ausgeruht. Er war ihr nicht böse. Wofür auch. Sie war nur einfach fremd. (Tut mir leid, aber so ist es. Mir fehlt jemand, der mir ähnlich ist.)

Es wird schon, sagte er. Ich bin erst 30. Meine besten Jahre liegen noch vor mir.

Er sagte es lächelnd, weil ihn der Gedanke an die morgendliche Sonne im Rückspiegel des Mofas ruhig genug gemacht hatte, um zu erkennen, dass sie beide hier im Grunde nichts miteinander zu tun hatten, und das erkannt zu haben, machte ihn wiederum frei genug, ihr zu verzeihen. Obwohl es ja eigentlich nichts zu verzeihen gab.

Er sagte: Ich gehe besser wieder hoch.

Sie sagte: Ich komme mit.

Willst du deine Schuhe nicht wieder anziehen?

 

Aus: Terézia Mora, Liebe unter Aliens

© 2016 Luchterhand Literaturverlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

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